Der Wachhund

… oder die Auswirkungen exzessiver Grenzüberschreitungen auf niedere Arten (Tiere)

written in German language by Kajetan Tadrowski, Wroclaw

Ich habe mich neulich auf einer Party über Grenzerfahrungen unterhalten. „Grenzerfahrungen sind doch gar nichts Besonderes.“, meinte ein schlacksiger Typ Ende Zwanzig, „wir haben doch alle unsere Grenzerfahrungen schon gemacht, sei es im räumlich physikalischen Sinne oder mental, psychisch sozusagen. Ich weiss gar nicht was daran so toll sein soll, hinterher fühlt man sich immer wie ausgekotzt und bringen tut es auch nichts. Außerdem kommt man nie irgendwo an, wo man nicht irgendwie auch schon gewesen wäre.“ Auf diesen Satz folgte ein kurzer Moment des Schweigens. Die Runde guckte leicht irritiert, ich nutzte die Chance um mir ein weiteres Bier zu holen.

Sichtlich angetrunken

Eine etwas zu knapp angezogene englische Studentin, sichtlich angetrunken, begann nun ihre Auffassung von Grenzerfahrung, sprich, Exzessen jeglicher Art, zu verteidigen. „Geht es denn nicht immer um neue Perspektiven?“ fragte sie immer wieder, „um die Möglichkeit Neues kennenzulernen und seinen Horizont zu erweitern? Developing a new point of view?“ Ihr breiter englischer Akzent brachte den dritten in unserer Runde, einen kugelrunden Rothaarigen im speckigen Sakko, sichtlich an seine Grenzen. Fast schon keifend schleuderte er ihr entgegen: „Was denn für neue Perspektiven? Was denn für ein Horizont? Das sind doch alles Konstrukte und Zuschreibungen. Schau dich doch mal um. Dieses Polen zum Beispiel. Was soll denn hier soviel anders sein als bei uns? Die wollen auch alle nur nen‘ Job, was zu Fressen und ein Dach über’ m Kopf. Am besten noch nen‘ Benz, ein Visitenkärtchen und zweimal im Jahr nach Mallorca. Wie bei uns.“ Wobei er mit uns anscheinend Schwaben meinte.

A Gordon Setter

Ich hatte mich bisher aus dem Gespräch heraus gehalten, stieg nun aber doch ein: – „Also ich halte Grenzerfahrungen sogar für gefährlich. Zumindest sollten sie nicht von allen angestrebt werden.“ Zustimmendes Nicken allerseits. Wir waren uns einig. Für Grenzerfahrungen sollte man schon die nötige psychische Charakterstärke mitbringen.
-„Ich hatte jedenfalls einen Hund und der … .“
– „Einen was?“ fragte die Engländerin leicht irritiert.
– „Einen Hund. A dog. A Gordon Setter“ sagte ich nicht ohne Stolz, „kennst du die Irish Setter? Also, der Gordon Setter ist etwas massiger und hat schwarzes Fell, ansonsten sieht er fast gleich aus.“ Die Engländerin, ihr Name war übrigens Katy, nickte leicht.
– „Na, jedenfalls wollte ich schon immer einen Hund haben. Schon seitdem ich klein bin. Mein Cousin hatte einen, so einen kleinen Pudel, ein mieses Vieh, hat mich mal gebissen, einfach so, ohne Grund, einfach – happ. Hier.“ Ich öffnete meine Hose und zog sie bis in die Kniekehlen. „Hier, am Oberschenkel. Aber man sieht nicht viel.“
– „Stimmt.“ Sagte der Schwabe. „Da ist nix. Aber was hat das mit Grenzerfahrungen zu tun?“
– „Ja, also ich wollte halt immer einen Hund,“ wiederholte ich, mir die Hose wieder hochziehend, „und habe keine bekommen.

Picture: Stephanie Endter

Picture: Stephanie Endter

Kosmatka und Kosma, Konrad und Klara

Stattdessen wurde ich von meinen Eltern mit Meerschweinchen vertröstet. Die ersten hießen Kosmatka und Kosma, die nächsten Konrad und Klara, dann kam … „
– „Wie viele hattest du denn?“ fragte der Schlacksige, „ich hatte mal Schildkröten. Aber zwei aus der Oberstufe haben mich überredet ihnen den Kopf abzuschneiden. Weil ich doch Chirurg werden wollte. So zur Übung. Deshalb habe ich Politologie studiert. “ Ich entschied mich auf die Schildkröten nicht näher einzugehen.
– „Ich hatte insgesamt acht. Immer Pärchen. Die ersten sechs sind ganz schnell gestorben, die kamen aus der gleichen Fachhandlung und sind alle nach ein paar Wochen eingegangen. Ich mußte immer neue kaufen. Am Anfang war das ein Drama. Später gewöhnte ich mich daran. Bei Kosma weiß ich noch wie ich meinen Vater gebeten habe ihn zu begraben. Er ging in den Hof, schaute sich zweimal um und warf ihn in die Restmülltonne.“
– „In what?“ fragte Katy. Der Schwabe beeilte sich zu erklären: „We devide rubbish. You have Verpackungs-, Papier-, Bio-, and Restmülltonnen. The hamster belonged into the Biorubbish but his father threw it into the Restmüll. I have a friend who is not deviding as well.“ Katy nickte.
– „Ja, jedenfalls die letzten beiden, die habe ich von Privat gekauft. Ich weiß gar nicht mehr wie die hießen, nur daß sie riesengroß geworden sind. Fast so groß wie ein Dackel. Irgendwann begann sie zu stinken. Ich habe sie dann wieder über eine Kleinanzeige verkauft, an ein kleines pummeliges Mädchen mit Zahnspange. Sie hat sich sehr gefreut. Sie wußte auch alles über Meerschweinchen, wie man das Geschlecht erkennt, wieso sie so streng riechen, alles. Ihre Mutter war am Anfang etwas überrascht, wegen der Größe glaube ich, aber ich konnte ja alles erklären. Ein halbes Jahr später kauften mir meine Eltern dann einen Hund. Da war ich vielleicht elf oder zwölf.“
– „Diesen Irish Setter?“
– „ Gordon Setter. Genau. Und jetzt sind wir bei der Grenzerfahrung. Der Gordon Setter ist nämlich eine englische Hunderasse. Die direkten Vorfahren von meinem Hund wurden aber noch aus England, aus Paddington, nach Polen gebracht.“
– „Der englische Hund war aus Polen?“ versicherte sich die mittlerweile leicht schwankende Katy.

Auf französisch abgerichtet

– „Mhm. Meine Eltern haben ihn in Polen gekauft. Da war er ein halbes Jahr alt. Sie packten ihn ins Auto und fuhren nach Frankfurt. Wir lebten damals in Frankfurt. Hier sollte er erst mal bleiben. Mein Vater sollte ihn erziehen und ich mich um ihn kümmern. Weil meine Mutter Französisch unterrichtet und nicht wollte, dass unsere Verwandten oder polnische Touristen unserem Hund Befehle erteilen, wurde er auf französisch abgerichtet. Ich mußte also auch französische Hundebefehle lernen. Dem Hund war das, glaube ich, soweit egal. Er hörte nur sporadisch und dann meist auf die Person, die ihm bedrohlicher erschien. Jedenfalls hatten wir einen ursprünglich englischen Hund aus Polen der in Deutschland französische Kommandos überhört.“

– „Und wo ist da die Grenzerfahrung. Ich glaube nicht, dass der Hund Grenzen und Grenzüberschreitungen wahrgenommen hat.“ warf der Schlacksige ein, der sichtlich darauf brannte seine Schildkrötengeschichte loszuwerden.
– „Doch, doch, das kann durchaus sein,“ antwortete Katy, „think about Lessie – die ist auch über ganz viele Grenzen und wusste auch noch genau den Weg.“ Der Schwabe rollte nur mit den Augen:
– „Das war ein Buch. Lessie gab es überhaupt nicht! Weiter, was ist jetzt mit dem Hund?“

– „Naja, er fuhr noch am gleichen Wochenende mit uns nach Frankreich. In das Haus meiner Tante. Dort stellte sich raus, dass er, obwohl eigentlich ein Jagdhund, vor allen lauten Geräuschen panische Angst hatte. Bei jedem Knall kniff er sofort den Schwanz ein, drehte sich um und rannte fort. Wir waren mal zufällig Zeugen einer Entenjagd. Nach dem ersten Schuss verbrachten wir den ganzen Tag damit, den in Panik geflohenen Jagdhund zu suchen. Seitdem war das Verhältnis zwischen meinem Vater und ihm nicht mehr das beste. Richtig schlimm wurde es aber, als wir mitsamt Hund wieder mal nach Polen fuhren. ‚Wenn schon nicht besonders schlau, so doch immerhin groß, vielleicht erschrickt er Einbrecher.‘ dachte sich mein Vater und ließ ihn in unserem Auto. Wir hatten extra mehrere Aufkleber mit „Hier wache ich!“ an den Fensterscheiben. Während eines halbstündigen Besuches bei unseren Verwandten ist das Auto verschwunden. Am hellichten Tag, mitten in der Stadt. Mitsamt Hund.“
– „Den Hund haben sie auch geklaut?“
– „Ja. Zunächst schon. Er war weg. Drei Stunden später rief dann jemand über eine interne Dienstleitung bei der Polizei an und sagte wo wir den Hund abholen könnten. ‚Er wäre ein ganz Netter aber immerzu am Winseln.‘ Er war an eine Laterne angebunden und hat seelenruhig gewartet.
– „Und das Auto war weg?“
– „Ja. Fort.“
– „Trotzdem, was soll das jetzt mit Grenzerfahrung zu tun haben? Der Hund war einfach bekloppt.“
– „Mag sein, doch das gleiche passierte noch zweimal.“
– „Was passierte noch zweimal? Der Köter wurde zwei weitere Male mitsamt Auto geklaut und wieder zurückgegeben?“

to be continued in the next news issue….

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