Wie verkauft sich Frau

Drei Frauen, Ende zwanzig, sitzen in einem Café, Westberlin, Januar 2003, verabredet zu einem Gespräch über das Frausein in Zeiten von Lara Croft, Christina Aguilera und t.a.t.u. 

Machen wir uns doch nichts vor, wir sind einfach schon einen Tick zu alt.  Zu alt? Naja, für Lara Crofts, gogogirl-Sängerinnen wie Christina Aguilera. Wir sind im westdeutschen moralischen Rigorismus der 1980er Jahre aufgewachsen, denken feministisch und ökologisch korrekt und haben kein Verständnis dafür, dass Frauen sich öffentlich entblößen, Gewalt erotisieren, Geld damit machen und das auch noch als Selbstbefreiung feiern. Endlich tut Frau aus freien Stücken, was Mann von ihr will, erobert den 0815-Porno aus weiblicher Sicht und seufzt auf wandgroßen Plakaten: „Ich mag’s sanft. Hinterher.“ Haben dafür unsere Mütter die Pille geschluckt und Bauch und Busen für sich reklamiert? 

Machen wir uns doch nichts vor. Wir werden nie verstehen

Machen wir uns doch nichts vor. Wir werden nie verstehen, warum viele osteuropäische Unis am Erstsemestertag so aussehen, als finde dort gerade eine Model-Casting statt, und warum sich deutsche Frauen in der Regel weniger fraulich-erotisch präsentieren. Wir haben unterschiedliche kulturelle Codes und können den jeweils anderen nicht objektiv entschlüsseln.  Kräftigere Waden haben wir auch, sagte jedenfalls meine russische Gastmutter.  Wenn wir sowieso nichts beurteilen können, was wollen wird dann?  

Wir wollen wissen, wie sich Frau verkauft.

Wir wollen wissen, wie sich Frau verkauft. Wie sie ihre Sexualität gezielt nutzt, um Geld zu machen, und mit welchem Selbstverständnis. Und das in der Popkultur in Ost und West.  Schwieriges Thema.  Kann man wohl sagen.  Fangen wir an.  Sagen wir, ich stigmatisiere mich als deutsche „Kampflesbe“. Du bist die gemäßigt feministische Hete mit litauischem Mann.  Und ich bin das Mäuschen.  And off we go!  

Drei Frauen, Ende zwanzig, sitzen wild gestikulierend in einem Café, die Backen vom Rotwein gerötet, die Gedanken erhitzt. Es geht um ein Plakat, das alle drei gesehen haben. 

Hete mit litauischem Mann, nippt am Weinglas: „Sex sells“ ist eine Binsenweisheit. Auch dass der Körper, besonders der weibliche, ein Werbeträger ist, ist überhaupt nichts Neues. Was regst du dich also auf. 

Kampflesbe: Ich finde das aggressiv und entwürdigend, wenn mir von jedem Plakat ein blondes Siliconbusenwunder entgegenspringt, das sich die überdimensionierten Titten packt und zwischen ihnen eine Dose mit einem koffeinhaltigen Getränk zerdrückt. Jeder Schritt auf der Straße ist eine sexistische Attacke, und zwar eine besonders gewaltvolle. 

Mäuschen: Naja, du bist eben Kampflesbe.  Kampflesbe: Is doch wahr, wir sind nur so abgestumpft, dass wir das nicht mehr merken. Übrigens, ich merke: Ich möchte nicht Kampflesbe sein, ich möchte dieses Klischee nicht bedienen. 

Mäuschen: Nagut, dann bist du eben nicht mehr Kampflesbe. 

Hete mit litauischem Mann: Um noch mal auf das Plakat zurück zu kommen. Vielleicht sucht die Dame im Auftrag des Bundesumweltministeriums ja nach neuen Verwertungen für Pfanddosen in der Beauty-Industrie? Irgendwo müssen die Dinger ja hin, seitdem das Dosenpfand eingeführt wurde. 

Mäuschen: Oh Frauuuuuu! Soll das ein Witz sein? Du alte Öko-Tante, du! 

Nicht-Mehr-Kampflesbe: Mäuschen, ich glaube, wir müssen dich auch umbenennen. Du redest zu viel. Wie wär’s mit „Ratte“? Bissig, schlau, kriegt was sie will, ganz im Trend des neuen Frauenbilds? 

Hete mit litauischem Mann: Genau, sexy Ratte. Frau mit Revolver, Sado-Maso-Outfit oder zumindest selbstbewusstes Gogogirl. Das trifft schon besser. Was uns bewegt ist doch, dass sich Frauen, zumal wenn sie sich in der Popkultur darstellen, immer mehr einer Bilder- und Körpersprache bedienen, die der Pornografie entlehnt ist. Überall in der Werbung, Mode, in Musikvideos, Filmen, Computerspielen ist diese Pornoästhetik! MTV ist voll davon! Alle spielen Rollen, die dem Unterweltmilieu entstammen. Frauen sind immer selbstbewusste Huren und Männer Schmalspur-Mafiosi.  

Nicht-Mehr-Kampflesbe: Und in dieser Hurenrolle gefallen sich auch Frauen, die sich als Emanzipierte verstehen.  Ratte: zum Beispiel? 

Hete mit litauischem Mann: Veronika Feldbusch, vielleicht. 

Ratte: Das ist halt ein Label, das jede „Popkulturschaffende“ irgendwie zu besetzen versucht. Weil das zieht und Knete bringt. Dahinter stehen knallharte Interessen von Managern, die ihre Produkte einfach nur marktgerecht designen. Dieses Produktlabel sagt auch, dass Frauen zwar stark und brutal sein dürfen, sie müssen dabei aber schön aussehen. Das ist keine Ästhetik des Hässlichen. Sondern eine der erotisierten Gewalt.  Hete mit litauischem Mann: Porno eben. 

Nicht-Mehr-Kampflesbe: Da hätten wir also Bild Nummer eins: „die Schöne mit der Knarre“. Eine gewalttätig erotisierte Frauengestalt als Popikone. Jetzt auf jedem Cover. 

Ratte: Naja, neu ist das aber nicht. Ich lese gerade Klaus Mann, Mephisto, 1939: Rote Peitsche, grüne Schaftstiefel, eine schwarze Geliebte, die den Protagonisten erregt, indem sie ihn malträtiert, die rauhe Haut dieser Frau, ihre spielerische Brutalität und die Faszination, die davon ausgeht. Das ist doch die Figur der Domina, Sado-Masochismus pur. Nur heute glatter. Der moderne Sado-Maso hält jetzt eben Einzug in die Popkultur. 

Nicht-Mehr-Kampflesbe: Also erstens: Klaus Mann war schwul!  Hete mit litauischem Mann: was tut’n das zur Sache?  Nicht-Mehr-Kampflesbe: Es verkompliziert die Geschichte. Zweitens: Dass nun aber nicht nur Klaus Mann sondern weibliche Popstars dieses Domina-Bild bedienen, was sagst du dazu? Ist das nun der männliche Blick, den die Frauen auf sich projizieren und ihn unter dem Motto „so sieht sich Frau“ neu besetzen, dabei aber die traditionellen Rollen reproduzieren? Etwa wie Oswald Kolle, der die Emanzipiertheit der Frauen darin sah, dass sie ihrer Natur folgend angeblich alles tun, was Männern Spaß macht?

Ratte: Dem „männlichen Blick“ wird immer Authentizität unterstellt: so ist der Mann halt, so ist er biologisch und gesellschaftlich determiniert, und Frau spiegelt sich lediglich darin. Das ist doch Schwachsinn. Da wäre die Frau ja wieder nur ein geblendetes Opfer, wenn sie sich im „männlichen Blick“ gefällt. Aber Girls sind keine Opfer, schon gar nicht die Girls der Marke Christina Aguilera. 

Nicht-Mehr-Kampflesbe: Dann sind  „Domina hier – unberührtes Mädchen da“ einfach Archetypen, die in der Populärkultur und Werbung so häufig vorkommen, weil sie so eingänglich sind. Oder was? 

Schweigen. Alle drei, Nicht-Mehr-Kampflesbe, Ratte und Hete mit litauischem Mann, schlürfen den letzten Tropfen aus den Gläsern und rücken  die Gläser etwas ratlos hin und her. Die lautstarke Grundsatzdiskussion hat fast alle Gäste verscheucht. Nur einer ist geblieben. Die Kellnerin spielt mit ihm Schach. 

Girlpower statt Frauenpower

Hete mit litauischem Mann springt plötzlich auf: Ich hab’s Girlpower statt Frauenpower! Ich sehe das so: Beiden weiblichen Protestbewegungen geht es darum, Stärke zu beweisen. Und während die einen im Marsch durch die Institutionen gesellschaftliche Strukturen von innen heraus verändern wollen, bedienen sich die anderen „männlicher“ Wahrnehmungsmuster, um… wozu überhaupt? Vielleicht zeigen sie „mit den Waffen der Frau“, dass sie Männer nicht nur anmachen, sondern – wie bei Shakira – auch mal vermöbeln können. Körper und Gewalt.

Lara Croft, Madonna und andere bad girls haben auszusehen, als seien sie käuflich und allzeit bereit, nur um dann erkennen zu geben, dass die Sache komplizierter ist. Kämpferinnen sind „in“, auch wenn sie nicht für die Rechte ihrer Schwestern kämpfen, sondern für die freie Wahl ihres Sexualpartners.  Ratte: Uff, das war ein Erguss! Ich glaube, wir brauchen neuen Wein. 

Hete mit litauischem Mann setzt sich erschöpft. Die Kellnerin hat die Gefechtspause registriert, führt einen Schachzug zu Ende, holt einen neuen halben Liter Wein. Schenkt den drei Frauen ein.  Hete mit litauischem Mann spricht eher zu sich: Mann, das sind Kalorien. Ich wollte doch drei Wochen keinen Alkohol trinken.

‘Queer’ sein in der Popkultur, t.a.t.u. und Fake-Lesben

Nicht-mehr-Kampflesbe: Ich glaube, dir ist da gerade ein cooler Coup geglückt! Wenn es  darum geht, den Sexualpartner eigener Wahl nach eigenen Regeln zu erkämpfen, dann würde sich auch erklären, warum gerade „Queer“ in der Popkultur so in ist und sich trans-, bi- und homosexuelle „Marken“ so gut verkaufen. Denke da gerade an die russische Mädchenband t.a.t.u, die sich z.T. lesbisch gibt. 

Hete mit litauischem Mann: Die sind aus Russland? Gibt’s ja gar nicht! Die sehen doch so aus, als wären sie aus dem Westen, aus England. Die entsprechen ja nun gerade nicht dem gängigen Ost-Tussen-Bild einer Edel-Nutte: zu stark geschminkt, teuer angezogen, geile Figur und GEHEIMNISVOLL. Ne, die t.a.t.u.-Mädels sind bestimmt in England aufgewachsen. Andererseits wirkt das Video wie eine Neuauflage der Schulmädchenreporte aus den 70ern. Gab es so was eigentlich in der Sowjetunion?   

Nicht-mehr-Kampflesbe: Das ist genau, was ich meine. Durch ihr lesbisches Jungmädchen-Rumgeknutsche sind sie doch noch attraktiver – für Männer. Erotisch anziehend weil unerreichbar, oder zumindest: schwerer zu haben. Würde mich mal interessieren, ob die in Russland auch so populär sind, und bei wem.   

Ratte: Hm. Wer hat die eigentlich erfunden, die t.a.t.u., meine ich? Man munkelt, die eine sei schwanger geworden. Sind das also nur Fake-Lesben oder haben ein extrem progressives Familienkonzept?  

Nicht-mehr-Kampflesbe: Fake-Lesben, das war nur die Marketingidee des Producers. Eine neue Frauenidentität aus der Popretorte. 

Hete mit litauischem Mann: Naja, so lässt sich das aber auch nicht abtun. Wichtig ist doch, dass so eine Frauenidentität offensichtlich gut ankommt oder schick ist. Und dass im geschlechterrollenmäßig traditionellen Osteuropa, wo ich mich noch darauf verlassen kann, dass mir ein Mann die Tür aufhält! 

Nun-doch-wieder-Kampflesbe: Ja! Die letzten gesellschaftlichen Grundfesten inmitten der McDonaldisierung – Mann hier, Frau da – geraten auch im postkommunistischen Alltag ins Wanken! Naja, oder auch nicht: Vermutlich leben die t.a.t.u.-Mädels ganz konventionell in Heterobeziehungen. 

Ratte-Mäuschen gähnt. Hetes Handy klingelt. Hete redet lange beschwichtigend. Die anderen wissen nichts mehr zu sagen.   Hete nimmt Handy vom geröteten Ohr: So, ich muss jetzt langsam nach Hause. Mein Mann wartet.  Sie zahlen, wanken zu den Rädern und fahren in den Alltag zurück.

 

 

This article was posted in Femzine and tagged .

Comments are closed.

^ top