Amerika

Zufall? Das darf kein Zufall sein. Als sie sich wieder trafen nach Jahren zwischen den Kleidungsständern in einem großen Warenhaus und um einander herumschlichen, wie Tiger um ihre Beute kurz vor dem Angriff, passierte es. Doch zuerst flüchteten beide Richtung Ausgang. Es nützte nichts, dass sie unterschiedliche Treppen wählten, es gab nur eine Tür. N. rempelte an P.s Schulter. Draußen auf der Straße geschah das, unmittelbar hinter den Glastüren, und mit Absicht. Nach kurzem Innehalten – vielleicht doch die Flucht vorziehen –   fragte N. P. nach dessen Befinden und täuschte gleichzeitig, mit einem verzerrten Grinsen, Freude über diese zufällige Begegnung vor. P.s Lächeln war eingefroren. Sie sahen beide so dämlich aus wie dauergrinsende Empfangsmenschen in großen Hotels, aber ohne diese Professionalität, vielmehr zutiefst verlegen. N. wusste auch schon nicht mehr aus welchem Grund er P. auf sich aufmerksam gemacht hat.

Was war geschehen?

Und keiner von beiden wusste, warum sie nach enger Freundschaft plötzlich über Jahre keinen Kontakt mehr hatten. Es passierte einfach. Unangenehm war die Situation jetzt, weil beide so taten als ob sie sich im Kaufhaus nicht beobachtet hätten. N. war schon immer der Mutigere von beiden gewesen. Damals, als sie noch gemeinsam auf Frauenfang gingen, schnappte N. zu, während P. alles zerreden musste bis es meisten zu spät war. P. nervte das an sich selbst gewaltig und er war stets schlechter Dinge, wenn N. mal wieder eine „Forelle“ (zwischen N. und P. verwendeter Deckname für aparte, weibliche Erscheinungen) an der Angel hatte. N. wiederum missfiel, dass P. jedes Mal beleidigt in der Ecke stand, wenn er Erfolg hatte. Und P. war auch noch der Meinung, dass dieser Erfolg ausschließlich dem Zufall zu verdanken war und er sich selbst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort befand.

Statue of Liberty, New York, USA, 1999


Flughafen London – Nichts war mehr wie vorher

P. war jetzt verheiratet. Noch gar nicht solange und mit einer Amerikanerin, die er bei einer Zwischenlandung in London auf dem Flughafen traf. Sie saß neben P. in der Wartezone und er goss Kaffee über ihre Hose. Aus Versehen versteht sich. Sie tauschten E-Mailadressen, schrieben sich ab und an, verstanden sich, hatten einigermaßen Spaß usw. P.s Lächeln wechselte von verlegen-schief zu einem strahlenden und kindlichen Lachen. N. gratulierte P. zu seiner Ehe und dachte dabei an sein eignes Leben: langjährige Beziehung, viel Routine, einige heimliche Affären. Das Übliche eben. N. überlegte, ob es jetzt angebracht war zu heucheln, aber er entschied sich dagegen und erzählte P., dass er immer noch mit derselben Frau von früher zusammen war, parallel dazu aber zwei Affären hatte, die sich eigentlich nur auf den körperlichen Aspekt beschränkten, dennoch ganz ungewollt Gefühle mit im Spiel waren, er zwischen allen Stühlen stand und sein Leben momentan einem riesigem Chaos gleich kam. P. reagierte, wie es N. erwartet hatte, man kannte sich ja schließlich: sein Lachen wurde zu einem penetranten Ich-bin-so-glücklich-weil-in-einer-tollen-monogamen-Beziehung-lebend- und-soundso-über-den-Dingen-stehend Grinsen. N.s Zweifel saßen tief.

Erinnerung

Und die Freundschaft war endgültig hin, aber das war auch schon vorher klar. N. wollte es nur nicht wahrhaben, er hatte in den vergangen Jahren öfters an P. gedacht, sie waren sehr eng befreundet, hatten über alles geredet, viel gelacht und sich verstanden. N. hatte P. und die Freundschaft mit ihm sehr vermisst und überlegte häufig, wie es überhaupt so kommen konnte und ob es einen Weg gab, wieder zueinander zu finden. N. sah diesen Weg nicht und vielleicht war er auch nicht mutig genug, zumindest dachte er das und warf es sich immer wieder vor. Den Auslöser für die gescheiterte Freundschaft hatte er oft bei sich selbst gesucht und ihn in mangelnder Geduld und vermehrter Genervtheit gegenüber P. vermutet. Aber das war es nicht, wie N. jetzt bemerkte und was sich im Laufe des Gespräches noch mehr bestätigte.

Toledo, Spain, 2003

Am Fluss war alles neu

Sein Leben war eine Zwischenstation erzählte P. Das große Ziel war, seiner Frau nach Amerika zu folgen und dort zu schauen was das Leben noch bereithält. P. und seine Frau hatten sich nicht oft gesehen während ihrer Ehe und davor auch nicht. Die Treffen glichen eher einem aneinander Vorbeigehen; mit der Erinnerung danach, dass es schön war. Das Glück vermutete P. also in greifbarer Zukunft in Amerika – dann irgendwann. Das war typisch P. N. verstand nun – auf der Straße vor dem Kaufhaus im Sommer – was passiert war. Der Auslöser für das Ende ihrer Freundschaft lag nicht bei ihm, auch nicht bei P., sondern das Ende war einfach plötzlich da. Vielleicht kam es auch schleichend, aber bemerkt hatten beide es erst als es schon vorbei war. Das Verständnis ging verloren. Sie haben ganz einfach aufgehört sich zu verstehen.
P. hatte es plötzlich sehr eilig.
„Ich muss los. Lass uns mailen.“
„Ja, gute Idee.“
P. verabschiedete sich und ging schnellen Schrittes Richtung Untergrund. N. überlegte kurz, er hatte gerade gelogen. Im Grunde war es ihm egal. Er schlenderte Richtung Fluss und setzte sich ans Ufer. Das sonst so schäumende Wasser glitt sanft dahin. Zufall war das nicht.

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