Wolf und Katz

In dem Moment, als Sascha zum ersten mal den Raum betrat, fühlte Kim eine eigenartige Spannung, wie eine Vorfreude. Kim war ein unerzogener Teenager und vielen Lehrern ein Rätsel. Kim war klein und zierlich, doch schien Kim nicht viel wert auf saubere Kleidung zu liegen. Ungebügelte befleckte Hosen waren Kims Markenzeichen. Im Unterricht starrte Kim stundenlang scheinbar abwesend aus dem Fenster und bekam doch eine Eins in Mathematik. Kims Eltern waren in die Siedlung gezogen, als Kim gerade zwölf wurde. Aus Kenia, wo sie die Zeit während der Apartheid verbracht hatten, als Mischehen in Südafrika nicht erlaubt waren. Kim interessierte sich für Tiere. In Johannesburg gab es genug. Wenn die Jugendlichen mit dem Schulbus Richtung Melville fuhren, sah Kim Hadedas über den Himmel fliegen. Hadeda-Vögel sind größer als Raben und machen auch mehr Lärm. Es gab ein Gerücht, dass die Hadedas nur so laut schrieen, weil sie Angst vorm Fliegen hatten. Sie sehen ein bißchen aus wie kleine Geier. Beim Fliegen flogen Hadedas wie eine schnurgerade Linie, weil sie die Beine anzogen. Kim’s jüngerer Bruder malte die fliegenden Linien.

Lilli et Claude

Lilli avait rencontré Claude auf der Flucht. Leurs deux maris à Auschwitz. Elles en parlaient jamais. Claude était la plus maigre des deux. Arrivée à Paris, Claude se mettait en colère suite à une discussion. Elles se quittaient de vue.

Sascha hatte kurze Haare und sagte kaum ein Wort

Kim hatte sich lange gefragt, woher das Gefühl kam, dass etwas fehlte. Es war wie vor einer Wand zu stehen. Und dahinter läge die Lösung. Die Wand war immer da, fast immer. So einfach, wie eine mathematische Gleichung. Ich kann mich daran reiben. Nur dahinter schauen kann ich nicht, fühlte Kim. Doch die anderen schienen die Wand weder zu fühlen noch zu sehen. Natürlich. Denn es handelte sich ja um eine unsichtbare Wand. Aber vielleicht war es auch gar keine Wand. Doch Kim beharrte darauf. Die Wand war da. In dem Moment, als Sascha zum ersten mal den Raum betreten hatte, war die Wand mit einem mal nicht mehr da.

Sascha hatte kurze Haare und sagte kaum ein Wort. Am Anfang erschien es Kim so, als ob Sascha aus einem anderen Land käme. Als Sascha zur Tür hineinkam, war es wie ein Blau, das schwebte. Einmal hatte Kim Sascha dreimal hintereinander laut mit Namen angerufen, und Sascha hatte einfach nicht reagiert, als sei Sascha taub. Ein anderes Mal tat Sascha plötzlich Dinge, die Kim nie erwartet hätte. Zum Beispiel gab es einen Jungen, den die Klasse oft hänselte, Adam. Adam hatte immer Sachen an, die trotz der einheitlichen Vorschriften für Schuluniformen billig aussahen, und er schielte. Adam hatte es schwer. Bis eines Tages Sascha sich zu Adam stellte und laut und deutlich sagte, dass seine Sachen schön seien und jeder, der  etwas anderes sagte, es mit Sascha zu tun bekommen würde. Sascha strahlte etwas aus, dass die anderen verstummen ließ, und von dem Moment an hatte Adam Ruhe. Kim hatte die Szene beobachtet. Als Sascha ihren athletischen Arm um Adams Schulter gelegt hatte, hatte Kim ein merkwürdiger Schmerz durchzuckt. Von nun an beobachtete Kim Sascha aus der Ferne, war aber zu schüchtern sie anzusprechen. Das passierte dann doch, aber anders.

Kim achtete ja wie gesagt nicht sehr auf ihre Kleidung, und sah manchmal etwas zersaust aus. Doch niemand durfte sie berühren oder ihr etwas sagen, ihre Kleidung war Kim heilig. Das konnte manchmal zu unangenehmen Konsequenzen führen, vor allem, wenn die Schuluniformen inspiziert wurden. Einmal, vor solch einem Inspektionstermin, zupfte Sascha Kim einen Fussel aus der Jacke und strich ihr den Kragen gerade. Dabei schaute Sascha Kim in die Augen. Kim schluckte. Später lud Kim Sascha zum Eis ein. Sascha nahm Wallnuss mit Zitrone. Meine Eltern sind Biologen, sagte Sascha. Sie erforschen Tiere. Wir kommen aus Russland. Kim mochte gern mit ihr zusammen sein. Mit Sascha war es nie langweilig. Von nun an wartete Kim voll Sehnsucht auf den Moment, in dem Sascha den Raum betrat.

Als die Schule schloß, zog Kim alleine durch die staubigen Straßen in der Nachbarschaft. Es war eine gute Gegend und vor jedem der Häuser stand ein Wachmann, der den Zaun bewachte. Einige der Häuser hatten Elektrozäune und es blitzte auf, wenn man im Dunkeln einen Stein gegen eine der Stromleitungen warf. Sascha war verreist über den Sommer. Nach Russland. Als Kim durch die Straßen streifte, dachte sie immer wieder an Sascha. Wie sie sich bewegte. Wie sie schaute, wie sie sprach, Grimassen schnitt. Wie sie duftete. Sascha hatte die Eigenart, Orte zu entdecken, die Kim noch nicht kannte und Transportmöglichkeiten zu wählen, die Kim sonst nie nutzte. Oder zu Fuß durch die Straßen zu laufen, was in Johannesburg sonst niemand tat. Kim hätte es nie zugegeben, aber sie freute sich auf das Ende der Schulferien. Doch dann passierte etwas Unerwartetes.


Wie ein Schatten

Kim war an den Rand der Siedlung gelaufen, weiter als sonst. Sie wollte zu den Bäumen und zum Gras. Dort gab es ein paar Hütten und brachten Leute oft Kleidung und alte Möbel. Kim liebte es, darin herumzustöbern und Kostbarkeiten zu entdecken. Als sie so durch den roten Staub lief, fühlte sie sich auf einmal beobachtet. Dort hinten, hinter den Büschen stand ein Tier. Es sah aus wie ein großer Schäferhund, war aber viel größer. Es schaute, es beobachtete, es strahlte Energie aus und Geschmeidigkeit. Kim hielt den Atem an. Das Tier war wie eine Person. Sie rief es an. Es war schnell wie ein Schatten und kam auf sie zugesprungen. Die Büsche waren an die 100 Fuß weg, dazwischen lag eine schulterhohe Mauer, doch das Tier übersprang sie als wäre es kein Hindernis. Ein paar Schritte vor Kim blieb es stehen. Kim fühlte sich nicht ganz wohl angesichts dieser plötzlichen Nähe. Das Tier hatte besondere Augen. Du bist klug. Du bist gefährlich, blitzte es in Kim. Doch schließlich hatte sie das Tier ja gerufen. Komm, sagte sie dann leise und versuchte, ruhig zu wirken. Das Tier schaute, zögerte, und kam dann. Es kam und leckte Kim an der Hand. Fast schüchtern. Dann sprang es zurück und verschwand.

Mitia

Als die Schule wieder angefangen hatte, traf Kim endlich Sascha wieder. Es wurde langsam Herbst und war nicht mehr ganz so feucht und heiß. Die Blätter färbten sich ein wenig, und manche Leute stellten ihre Klimaanlagen ab. Magst du mit zu mir nach hause kommen? sagte Sascha eines Tages zu Kim. Aber gern. Sascha wohnte in einem riesigen Haus, das von Wachposten und Elektroleitung abgeriegelt war. Sascha schien ein bisschen verlegen, als sie Kims Bewunderung bemerkte. Saschas Eltern waren nirgends zu sehen. Auf Forschungsreise, erklärte Sascha. Komm, ich zeig dir den Pool. Und dann zeig ich dir den Garten. Sascha hatte ein eigenes kleines Geländeauto, mit dem sie auf dem sogenannten Estate, das heißt dem Familienbesitz, herumfuhr, der sehr weitläufig war. Ein ganzes Dorf hätte in Saschas „Garten“ gepasst. In einer savannenartigen Hügellandschaft hielt Sascha das Auto an. Komm, steig aus, ich möchte dir jemanden vorstellen. Sie stieg auf eine Anhöhe hinauf und bließ in eine unhörbare Pfeife. Dann rief sie: Mitia, Miiiiiiiiitia! Miiiiiiiiiiitttiiiaaaaaaaa! Nach ein paar Sekunden sah Kim eine Staubwolke, die näher kam. Und schließlich ein Tier. Hey! Langsam verwandelte sich die Staubwolke in einen riesigen Hund. Das Tier kam nahe an die beiden heran und schmiegte sich an Sascha. Das ist Mitia. Hallo Mitia sagte Kim. Mitia löste sich von Sascha und leckte Kim die Hand. Das hat er noch nie gemacht, sagte Sascha. Er ist wunderschön, dein Hund, sagte Kim.

Mitia ist kein Hund, Mitia ist ein Wolf

Mitia ist kein Hund, Mitia ist ein Wolf. Meine Eltern haben ihn aus Russland einführen lassen. Seine Mutter starb als er ganz klein war, sagte Sascha. Bist du schön! sagte Kim. Mitia ist mein Wolf, sagte Sascha und etwas war in ihrer Stimme, dass Kim frösteln ließ. Sie wollte aber wissen. Du, Sascha, neulich habe ich auch einen Wolf getroffen, hinter den Hütten bei den Müllhalden. Es sah aus wie Mitia. Das kann nicht sein. Mitia wohnt hier und geht nie dorthin. Unser Grundstück ist nach außen abgesichert. Los, lass uns zurückfahren zum Pool, sagte Sascha und ging mit eiligen Schritten davon. Kim stand auf. Auf Wiedersehen, Mitia. Dann trottete sie Sascha hinterher. Aber Sascha hatte schon die Zündung gestartet und den Wagen angelassen. Kurz bevor Kim sie erreicht hatte, fuhr sie los und wirbelte eine Wolke Staub auf, in der Kim hustend verschwand. Nach etwa zweihundert Schritten hielt sie wieder an. Komm schon, ich habe es eilig. Kim konnte nichts sagen, aber etwas in ihr tat weh. Auf der Veranda wartete Saschas Haushälterin. Alles war sehr elegant und Kim durfte Aperitif schlürfen. Nur Sascha war so merkwürdig. Sie beachtete Kim gar nicht mehr, schaute Videos und spielte dabei mit ihrem Mobiltelefon. Kim wollte nach Hause.

Adieu

Lilli revoyait Claude après l’arrivée des Américains, au près de la gare du 20 arrondissement, dans un café. Claude lisait les journaux.
Lilli avait peu changé. Elle commençait d’avoir des premiers cheveux en couleur d’argent. Claude commandait un café. Lilli, par contre, allumait une cigarette. Lässt du mich auch mal ziehen? demandait Claude avec le regard le plus innocent du monde. Claude portait un pantalon homme.
Gern, immer. Lilli avait mis du rouge sur ses ongles.
Wohin wirst du jetzt gehen, fragt Claude.
Emigrieren werde ich. Vielleicht gehe ich nach Südafrika.
Claude s’allume une autre. Bleue. T’a pas peur?
Nein. Warum fragst du? Lilli paie son café.
Comme ça.. je ne savais pas… Tu sais, je vais rester en Europe, dit Claude et la clarté de sa propre voix parait couper l’air en deux pièces. Alors adieu.
Adieu, liebe Claude. Sagt Lilli. Sie wirkt, als ob sie es eilig habe.
Adieu Lilli.
Lilli s’éloigne; elle prend quelques passes dans la rue.
Claude la regarde s’éloigner. Soudainement, Lilli semble trembler. Son pieds s’écroule et elle bouscoule. Elle paraît tomber au trottoir. Des gens qui tournent la tête. Mais au dernier moment, elle se reprend et continue à marcher en murmurant „Mist“.
Claude macht die Zigarette aus, etwas blinzelt feucht.
Etrange, elle se voit de l’extérieur. Sie murmelt : Ich bleibe hier, in Europa.

Illustration: Jarek Sierpinski

Der Brief

Irgendwas war verändert von diesem Tag an. In der Schule wollte Sascha nicht mehr neben Kim sitzen und ging ihr in den Pausen aus dem Weg. Sascha war jetzt Teil der coolen Mädchenclique und rauchte auf dem Klo Zigaretten. Manchmal lachten sie und schauten zu Kim herüber. Kim hörte sie von einer Poolparty bei Sascha reden. Einmal begegnete sie Sascha allein im Flur. Hallo, sagte Kim. Aber Sascha sah nur zum Boden und ging mit zügigen Schritten an Kim vorbei. In diesem Moment fühlte sich Kim komisch. Ihr Gesicht wurde wie eine Maske. Es war erstarrt. Nachts lag sie wach. Tags kamen Tränen aus ihren Augen, einfach so, zu allen möglichen Zeiten. Kim merkte, dass sie traurig war. Aber sie wusste nicht ganz warum. Nur dass die Wand wieder da war. Es ist ein bisschen wie der Tod, dachte sie. Wie merkwürdig, eigentlich ist niemand gestorben. Und dann bekam sie den Brief aus Europa. In dem Brief stand, dass Kim geerbt hatte. Der Ort war nicht einfach zu buchstabieren und lag nicht fern von Budapest. In Osteuropa also. Er war unterzeichnet mit einer unleserlichen Handschrift und darunter stand: Jan Novak, Notar, und die Adressatin war eindeutig Kim, Kim Katz.

Lilli und Claude in Davos – wer hätte das gedacht?
Es war einer der ersten heißen Sommer des neuen Jahrtausends. Europa litt an übertriebener Dürre. In Paris starben damals viele Leute an den Folgen des Smogs und der Hitze. Es war in diesem Sommer, 2003, als Claude 100 Jahr alt wurde und Lilli 96. Schon im Frühjahr hatte das Paar entschlossen, den Sommer nicht in ihrer Hochhaussuite in Montmartre zu verbringen, sondern in der Sommerfrische von Davos. Es war der 40. anniversaire ihres Bündnisses. Sanft ließ Lilli ihre langen Finger an Claudes Nacken heruntergleiten und öffnete ihre Bluse.
– Wer hätte das gedacht, dass es so kommen würde, sagte Claude.
– Was denn?
– Mit dir und mir. Als ich dich zum ersten Mal wiedergesehen habe. Damals.
Lilli fing an zu kichern.
– Zwei feuchte Hände, sacht, über meine Augen. Von hinten, du kamst von hinten!
– Bsst, wenn du so redest, machst du mich verlegen. Lass uns raus gehen, ich will mich bewegen.
– Gern.

Maisfelder

In Johannesburg fuhren Busse schnell, mit Musik, und die Fenster waren offen. In Europa fuhr Kim nicht Bus sondern Zug. Der Zug war unendlich langsam, und es war heiß im Abteil. Kim hatte die Nacht nicht geschlafen. Kim erkundete den fremden Zug. Am meisten sagte ihr der vornehme Speisesalon mit den großen Fenstern zu. Dort saßen erwachsene Liebespaare und tranken Kaffee. Oder alte Herren mit blutunterlaufenen Augen. Oder alte Damen, die Karten spielten. Die Landschaft zog vorbei, nach der österreichischen Grenze war es eine Weile flach, Maisfelder. Die Vorhänge flatterten im Wind und brachten manchmal Tropfen. Es war Kims erste Reise in Europa. ‚Europa’ dachte Kim und erinnerte sich an die Bänke im Johannesburger Apartheid-Museum. Auf den Bänken stand „Europeans only“ und nur Weiße hatten sich frühe darauf setzen dürfen. Ob mich wohl jemand am Bahnhof abholt?


Zwischen den Hügeln tauchte ein See auf

Zwischen den Hügeln tauchte ein See auf. Langsam hielt der Zug. Auf dem See schwammen Taucherenten. Die Fahrgäste durften aussteigen, weil der Zug einer Reparatur bedurfte. Kim wusste nicht genau, in welchem Land sie gerade waren. Kim beobachtete die Enten.
Ein kleines Kind schrieb mit Fingern in den Sand. Kim machte es dem Kind nach. Kim schrieb auf Sand: Der Duft nach frischem Morgen. Wie ein Junge der in einem Haus mit Kohleheizung wohnt.
Oder der Duft eines Lagerfeuers, Dämmrung.
Herb und ein wenig wie Waschmittel, ein bisschen feucht.
Das Kind malte eine Wolke. Rasch wischte Kim die Sand-Worte weg und blickte zum Himmel: der Mond!


Lilli und Claude auf der Bergwanderung

Zwei alte Damen in den Davoser Bergen. Sie wandern. Es geht langsam aufwärts, mit Pausen. In einer der Pausen erzählt Claude von früher: Erst viel später habe ich erfahren, dass alle es wussten mit dir und mir. Sie schnauft… Auch schon bevor du emigriert bist. Die ganze Zeit tuschelten sie über uns.
Natürlich. Zwei Frauen, ohne Männer, natürlich, sagt Lilli und studiert die Wanderkarte.
…Es kursierte das Gerücht, wir hätten eine Affäre, kaum dass du in Rousseaus Mansardenzimmer eingezogen warst und ich dich manchmal zum Tee besuchte.
Als du Paris verließest, haben sie sich gefreut. Mon dieu, habe ich gelitten. Als ich dann mit Odette zusammen war, fingen sie von neuem an zu tuscheln.
– Naja, sagt Lilli, ein bisschen hatten sie auch einen guten Riecher, oder?
– Ja, schon. Aber nicht damals. Es war alles erfunden. Wir haben ja noch nicht mal geküsst…. und als du weg warst und dann kam Odette, erpressten sie mich. Sie sagten, wenn ich nicht dies und jenes tue, würden sie mich melden. Es gab damals noch diese Gesetze. Heute sind sie alt und hässlich. Ich meine, die noch am Leben sind.
– Claude, du bist eine Schimpferin! Sei nicht nachtragend, lass sie. Ich glaube, wie müssen den Weg links nehmen.
– Manchmal glaube ich, viele Leute sind einfach zu feige. Ich war aber auch oft zu feige.
– Das stimmt.
– Vielleicht ist es gut, feige zu sein.
– Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Es tut so weh.
– …“So sagte die weise und erfahrene Lilli“ witzelt Claude und macht Tänzelschritte.
Lilli lässt die Karte sinken, senkt den Kopf und ballt die Hände zur Faust:
– Claude! Es machst mich wütend, wenn du mich auf die Schippe nimmst. Es ist wichtig, dass du beginnst, andere Menschen ernst zu nehmen. Ich bin anders als du und du bist anders als ich. Mit diesen Dingen hast du nie Probleme gehabt, deswegen beurteile sie nicht!
– D’accord. Ich versuche es, ich versuche es. Kannst du mich auch verstehen? Ich meine, was es bedeutet?
– Ja, ich glaube schon, ich meine, ich versuche es. Ach! Bis auf eine Sache.
– Und die wäre?
– Warum hast du mich eigentlich nie besucht, in Südafrika, du hattest doch Zeit. Und Geld hattest du auch.. Und nach den Briefen, die du geschrieben hast, hast du mich auch sehr vermisst. Lilli verschränkt die Arme.
– Och, Claude schnappt mit dem Schuh und schaut unter sich, weil ich wütend war.
– Wütend? Sieben Jahre lang wütend?
– Naja, schluckt Claude und zupft an ihrer Jacke. Vielleicht nicht nur. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte auch ein wenig Angst. Und war stolz. Ja, ich glaube, es war auch, dass ich deine Entscheidung akzeptieren wollte. Du gehst, nun gut, bumm! So ist es dann halt. Ich wollte, dass du ganz frei bist und wenn du weit weg gehen würdest, wäre das so und ich bliebe halt hier. Claude machte eine Geste mit ihren Händen. Ich wollte unabhängig von dir sein, vollkommen. Dann fügte sie hinzu: Ich habe wohl auch ein wenig mit mir selbst gekämpft.
– Mir dir selbst.
– Ja, och ja, so ein Mist. Oh Lilli! Ich war dumm. Aber es war auch sehr kompliziert mit dir.
– Das ist es immer bei intelligenten Menschen. Lilli lächelte. Komm, ich will den Gipfel erklimmen!
– Ja, oh ja! Ich auch, ohnehin. Sehr gern, mit dir zusammen.

Die Taucherenten

Das Kind planscht im Wasser. Kim beobachtet die Taucherenten weiter, obwohl sie eigentlich mit den anderen Fahrgästen reden könnte. Sie will nicht. Sie will allein sein.
Erde, leise, denkt Kim. Kühl, zärtlich. Getroffen, verändert. Mich. Und schaut in den Himmel. Bald wird die Pause vorbei sein. Schon pfeift der Zug. Die Sonne scheint warm.
Kim will nicht vom See los. Am letzten Schultag vor ihrer Reise nach Europa hatte Kim Sascha noch einmal gesehen. Sie hatte sie von weitem gesehen, mit den anderen coolen Mädchen Zigaretten rauchen. In diesem Moment hatte Sascha ausgesehen wie alle anderen. Wie merkwürdig.
Kim denkt:
In dem Moment, in dem ich Sascha zum letzten Mal gesehen habe,
hab’ ich mich ganz schlecht gefühlt.
Es war wie Blei, so drückend.

Es ist September

Zwei sehr alten Damen sitzen in einem Café auf dem Boulevard de Belleville. Vor ihnen aufgebaut auf dem Tisch ist ein Schachbrett. Es ist September, die Hitze ist vorbei. Lilli frischt fein ihr Make-up auf. Claude zieht an ihrer Zigarette. Erinnert sich Claude: 1946. Von hinten, du kamst von hinten. Immer bist du von hinten gekommen, auch als du aus Afrika zurückkamst in den Sechzigern. Zwei feuchte Hände, sacht, über meine Augen.

Die Katze

Der Kellner bringt Café und Cognac.
– Du, Lilli, du hast mir auch niemands verraten, warum du wieder zurückgekommen bist aus deinem afrikanischen Exil.
– Das stimmt. Jetzt ist ein guter Moment. Lass mich überlegen. Wie war das damals. Es gab natürlich viele Gründe. Finanzielle und andre. Ich merkte, dass etwas an dem Land mich störte. Wir hatten so viele Privilegien, alles war getrennt. Dann wurde meine Arbeitskollegin von der Polizei abgeholt, nur weil sie ihren Pass vergessen hatte. Sie war Schwarz. Ich begann mir Fragen zu stellen. Ich erinnere mich noch an einen Tag, es war im Winter. Ich arbeitete ja in diesem Safaripark. Die Wildkatzen. Löwen, Tiger, Panter, alles gab es da. An diesem Wintertag jedenfalls war ich sehr müde und saß auf einer Bank nahe der Löwen. Einer von ihnen hat auf einmal angefangen zu schnurren. Das hat mich gerührt. Und dann kam mir so plötzlich der Gedanke, dass es gut wäre, zurückzugehen.
– Einfach so?
– Genau.
– Aber in Paris gibt’s doch gar keine Löwen.
– Ja. Stimmt eigentlich. Aber Katzen, sagte Lilli, und schaute über den Tisch zu Claude, Katzen gibt es auch hier. Claude schaute zurück. Sacht versetzte sie danach ihre Königin ein Stück weit zur Seite. Bin gespannt, wie dein nächster Zug geht, liebe Lilli.
– Liebe Claude, das darfst du auch. Doch zuvor wollte ich dich noch etwas fragen.
– Mhmhm?
– Darf ich dir eine Rose schenken?
– Oh, liebe Lilli, das wäre wundervoll!
Kurz darauf beendeten die beiden elegant gekleideten Damen die Schachpartie und unternahmen noch einen Spaziergang auf dem boulevard du soleil. Die eine hielt in der Hand eine rote Rose, die andere schwang ein Täschchen mit einem Fernglas.

Kim hat Durst und geht zum See. Tief kniet sie sich hin und trinkt in langen Zügen. Wasser. Kim fühlt, wie das Kühle sie durchrinnt. Kim spürt jeden Muskel. Kim bewegt ihre Hände, die Schultern. Tropfen berühren ihr krauses Haar. Sie hat den Brief, den Namen des Notars und die Adresse. Was wird sie finden? Irgendein Dorf, eine kleine Stadt. Vielleicht Menschen? Da pfeift der Zug. Nun geht es wirklich weiter. Als Kim die Stufen hochklettert, atmet sie tief aus. Dann betritt Kim den neuen Raum.

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