Las Vegas revisited

Die Gründung der Stadt in der Wüste jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. Damit ist Las Vegas vermutlich eine der jüngsten Metropolen der Welt ­ ihr Bürgermeister Oscar Goodman allerdings denkt in anderen Dimensionen. Er träumt von einem Moment in der fernen Zukunft, in dem Außerirdische die Ruinen der Stadt entdecken und angesichts des Eiffelturms, der Pyramiden und der Brücken von Venedig nicht mehr wissen, wo sie sich nun eigentlich befinden.

Ganz so lange muss er nicht warten, ein kleiner Spaziergang zum Bonanza Gift Shop im Norden des Strips genügt ­ vor den Regalen mit den Schneekugeln stellt sich für die Touristen der selbe Effekt ein: ist dies ein nun ein Souvenier von einer Europa-, oder Weltreise? ­ wenn es nicht am unteren Rand stehen würde, man käme nicht auf die Lösung ­ es handelt sich lediglich um Las Vegas.


Pictures: Roman Bittner

Dies deutet auf eine radikale Veränderung hin, die das Glückspielerparadies in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat und regt an, Robert Venturis und Scott Browns Buch “Learning von Las Vegas” zur Hand zu nehmen und zu vergleichen. Damals schrieben die beiden Architekten und Theoretiker ein Manifest der Postmoderne, in eine Reihe zu stellen mit “Delirious New York” von Rem Koolhaas. Beide Publikationen lenkten ihren Blick in einer Zeit, in der der Modernismus erschöpft zu sein schien, von den Höhepunkten und Großtaten der Architektur, den van der Rohes und Corbusiers, auf bis dahin schlecht oder wenig bewertete Nebenschauplätze ­ die Plätze der Masse und der Massenvergnügung. Rem Koolhaas widmete sich den untergegangenen Vergnügungsparks von Coney Island, tauchte sie in ein märchenhaftes Licht und machte in ihnen ein “Laboratorium für Manhatten” aus (und nicht zuletzt auch für Las Vegas, das sich gleich in zwei Hotels, einer Etage im “New York New York” und dem benachbarten “Broadwalk” vor diesem Urahn der Vergnügungsarchitektur verbeugt).

Der profunde Architekturkenner Venturi mit einer eindeutigen Vorliebe für den Manierismus dagegen reiste mit seinen Studenten nach Nevada, um die Gralshüter der Moderne mit den dort gewonnenen Erkenntnissen zu brüskieren. Neben ihrem eindeutigen Plädoyer für das Zitat, Humor und eine beziehungsreiche Architektur stellten sie vor allem ein Art städtebaulichen Darwinismus fest. Die gesamte Anlage der Stadt, die Grösse, Gestaltung und Aufstellung der Leuchtschilder, die Parkplätze, die Hotels ­ alles orientierten sich am Blick aus dem fahrenden Wagen, an den Bedürfnissen und Gewohnheiten des Autofahrers. Dieser Darwinismus ist geblieben und gerade er war es, der die am stärksten wachsende Stadt der USA in kurzer Zeit vollkommen veränderte.

Wer heute noch gewaltige, farbenprächtige, blinkende Leuchtschilder erwartet, wird enttäuscht. Las Vegas ist nicht mehr die Stadt der Autos, die mittlerweile ausschließlich dazu verdammt sind, hoffnungslos in den Staus auf dem Strip festzustecken, nicht mehr die Stadt der Großzocker und der einsamen Glücksritter ­ Las Vegas ist eine Stadt der Fußgänger und Familien geworden. Bei gleichzeitiger Explosion der Bodenpreise im Zentrum hat dies dazu geführt, dass die Parkplätze verschwunden und zu Parkhäusern geworden sind, die von der Straße weg hinter die Hotels wanderten. Die Hotels dagegen schoben sich zur Straßen nach vorne und bilden dort tatsächliche Blockrandkanten aus. Paralell, jedoch unabhängig und ohne den konzeptionellen Hintergund zu der Entwicklung in Europa kehrt der Städtebau von Las Vegas der autogerechten Stadt, der Broadacre City-City von Frank Llyod Wright, der Ville Radieuse von Le Corbusier den Rücken zu und macht eine Kehrtwende zum verdichteten “europäischen” Städtebau der Vormoderne.

Dort verdrängten sie auch die legendären Leuchtschilder, deren Aufgaben sie nun zu übernehmen haben. Zum einen das Thema des Hotels durchzuspielen, und zwar mit Enzyklopädischer Ausführlichkeit, zum anderen mussten sie mit ihrer Fassade und Silhuette gleichzeitig selbst zu weitsichtbaren und wiedererkennbaren (Werbe-)Zeichen werden. Nicht wenige mögen das verschwinden der alten Reklamen voller Wehmut geklagen, gleichzeitig ist dadurch aber auch die vergleichsweise langweilige Konfektionsarchitektur der eigentlichen Hotelbauten der sechziger und siebziger Jahre undenkbar geworden. Die neuesten Bauten, das renovierte “Ceasars Palace”, das “New York New York”, das “Paris”, “Luxor”, “Bellagio” und “Venetian” richten sich ganz auf den langsamen Blick des Fussgängers (auch und vor allem) bei Tag aus, auf seine differenzierte Mobilität und seinen Wunsch nach ständiger Überraschung und Attraktion.

Einst durfte man Las Vegas mit Recht eine gewisse Papp-Maché-Billigkeit vorwerfen und noch immer hält nicht alles einem kritischen Blick stand, doch im Ganzen überraschen die meisten Bauten mit einer Vielzahl gut gemachter Details, verblüffen den Besucher beim Durchwegen und Durchwandern über Brücken und Spaliere mit ständig neuen Aussichten und Situationen. Lediglich das “Excalibur” fällt deutlich ab, vielleicht weil hier kein Orginal als Vorbild diente, sondern nur die gummiförmigen Walt-Disney-Schlösser.

An einigen Stellen gelingt der Architektur von Las Vegas dagegen sogar der Sprung auf eine andere Ebene, gelingt ein ­ zweifelsohne unfreiwilliger ­ Verweis über sich selbst hinaus. Das “Ceasars Palace” erinnert in seiner gestapelten Kollage klassischer Bauten, weniger an Rom selbst, als an die geträumten Idealstädte romantischer Maler des neunzehnten Jahrhunderts, scheint sich an Schinkels “Blick in Griechen-lands Blüte” anzulehnen. Der im Ecole-de-Beaux-Art-Stil gehaltene Hotel-bau des “Paris” dagegen vollzieht mit seiner, im Vergleich zum Orginal manisch potenzierten Stockwerkzahl, noch einmal exakt die Modifikation nach, die dem französische Nationalstil Anfang des letzten Jahrhunderts in New York wiederfuhr. Das “Paris” ist damit den Hochhäuser der Jahrhundertwende von Manhatten näher (bevor unter dem Druck der Zoning Law von 1916 Hugh Ferris den völlig neuen Typus des Step-Back-Wolkenkratzers erfand), enger verwandt mit dem Singer-Building oder dem Plaza Hotel, als mit dem Place des Vosges. Schliesslich ist noch etwas ist den neuen Bedürfnissen der spazierenden, aber auch schnell ermüdenden Fussgängern geschuldet, das im Ergebniss geradezu futuristischen Geist ausatmet.

Viele nebeneinanderliegende Hotels gehören den selben Betreibern und um den Rundgang zu erleichtern, verbinden sie ihre Hotels entweder mit Brücken im ersten Geschoss oder sogar mit Mini-Hochbahnen, die die Touristen über dem brodelnden Verkehr von einem Komplex in den anderen geleiten ­ vielleicht der erste Versuch der Umsetzung der utopischen Visionen des Columbia-University-Professors und “Theoretikers von Manhatten” Harvey Wiley Corbett. Dessen Konzept von 1923 sah eine Trennung von Fussgänger- und Fahrzeugverkehr zur Auflösung des Verkehrsstaus mittels eines komplexen Brücken- und Stegsystems vor.

So dreht der Planet Vegas selbstvergessen Runde um Runde, aller modernistischer Episoden zum Trotz, fest im Glauben daran, dass unsere Zeit nichts als eine Epoche ständiger Renaissancen ist, touchiert immer Mal wieder seinen ideelen Ursprungsort Manhatten/Coney Island, und kein Beobachter könnte feststellen, ob nun Vorwärts rückwärtsblickend oder umgekehrt. Vielleicht müsste Oscar Goodman sich gar keiner fernen Zukunft entgegensehnen ­ sind nicht in seiner Stadt die Regeln von Gestern und Morgen zugunsten einer absoluten Gleichzeitigkeit von allem aufgehoben?

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